Geschichten

Geschichten aus der „Gesundheitspolitik“

Herr A. – oder der kranke Papiertiger

Alle Klagen über den Zuwachs an Bürokratie und hätten sie gern abgeschafft oder wenigstens geschrumpft. Bürokratie kann auch für Beschäftigung sorgen z. B. im Gesundheitssystem:
Herr A. hat Parkinson und damit genug Beschäftigung: 6 x täglich zur festgelegten Zeit Medikamente nehmen, Termine in der Physiotherapie einhalten und dazwischen für die Beweglichkeit Gymnastik zu Hause machen. Als nun die Frau von Herr A. ins Krankenhaus musste zu einer Operation, kam  Herr A. mit seiner anstrengender Krankheit nicht alleine klar und musste auch ins Krankenhaus. Die Tabletten – eine komplizierte Kombination mit entsprechenden Gegenmitteln für die Beseitigung von Nebenwirkungen und Begleit-erkrankungen – wurden auf einer Spezialstation umgestellt. Als es an die Entlassung gehen sollte war die Frau noch nicht wieder zu Hause, also kam Herr. A vorübergehend in ein Pflegeheim in eine andere Stadt, in der sich seine Frau nach der OP erholte bzw. wieder alltagstauglich werden sollte. Die Apothekerin schickte mit den angeforderten Medikamenten große Blätter mit Warnhinweisen in das Pflegeheim. Die dortige Pflegerin kriegte einen riesigen Schreck und schlug Alarm bei der für Herrn A. zuständigen Nervenärztin. Bei der lag auch schon das per Fax zugestellte Warnschreiben aus der Apotheke vor (ein Computerausdruck mit eilig und dringlich hingeworfenen Randbemerkungen). Nachdem die Pflegerin ihre Sorgen und Ängste aufgeregt mitgeteilt hatte und von der Ärztin gefragt wurde: „Wie geht es eigentlich Herrn A.?“ konnte sie erleichtert  aufatmen und befreit lachen: „ Ach, Herrn A.? Dem geht es gut!“
Es war viel Aufregung und Hektik an einem an sich schon vollen Arbeitstag wegen einen schwer kranken Papiertiger.

Frau B. – oder Schuster , bleib bei deinen Leisten

Frau B. ist Grundschullehrerin, wie sich viele Eltern eine wünschen für ihre Kinder: sie liebt ihre Schüler, macht sich Gedanken über einen abwechslungsreichen Unterricht, gestaltet mit den Kindern  Projekte und wagt Neues ohne das Gute von dem Alten zu verwerfen.
So nahm sie vom Direktor auch die  zusätzliche  Aufgabe an, für den kleinen Klaus einen Entwicklungsbericht zu schreiben, weil Klaus mit seiner Epilepsie in ein Förderprogramm soll.  So eine Bericht über mehrere Seiten ist keine alltägliche Übung und es waren Verhaltensauffälligkeiten zu beschreiben und Beobachtungen wiederzugeben, die im Lehrerstudium auch nicht vorkamen. Dafür war natürlich in der Schule keine Zeit, also musste das Wochenende dafür herhalten.
Und danach waren die bekannten Beschwerden wieder da: der Schlaf war nicht mehr so erholsam, der Druck ließ nicht nach, die Angst morgens und auf dem Weg zur Schule kam wieder hoch  und die Angst, dass in so einem Zustand die viele und anstrengende Arbeit in der Schule nicht geschafft werden könnte.
Shakespeare würde sagen: “Viel Lärm um nichts“. Klaus hat eine im Kindesalter oft auftretende und nicht selten übersehene Epilepsie mit Absencen: er ist für Sekunden abwesend, starrt vor sich hin, hält beim Schreiben inne und bekommt natürlich von all dem nichts mit. Diese Epilepsie ist mit Medikamenten sehr gut behandelbar, was bedeutet, mit der richtigen Behandlung beim Nervenarzt oder speziell geschulten Kinderarzt hat Klaus keine  Absencen mehr und das Problem ist beseitigt.
Nicht so für die Schule. Da macht man es anders: man hat man Klaus zum Behinderten erklärt und der muss gefördert werden nach einem speziell für ihn ausgearbeiteten  Plan, der erst auf der Grundlage eines differenzierten Entwicklungsberichtes erstellt werden kann. Na und dann muss noch eine Förderkraft bewilligt werden von oben……das kann dauern.
Und wer bis dahin alles leidet!  Der kleine Klaus, seine Eltern bestimmt, Frau B. mit ihren erneuten Beschwerden  und ihre Therapeutin, die nun wieder der Rückfall behandeln soll.
So kann das sein, wenn der Schuster nicht bei seinen Leisten bleibt, sondern plötzlich Pferde beschlagen will.